Die Bedrohungslage für die deutsche Wirtschaft im Cyberraum hat eine neue, geopolitische Dimension erreicht. Deutsche Unternehmen sehen sich in zunehmendem Maße mit Angriffen konfrontiert, die direkt ausländischen Geheimdiensten zugerechnet werden. Dies geht aus dem aktuellen Wirtschaftsschutzbericht des IT-Branchenverbands Bitkom hervor, für den rund 1.000 Führungskräfte und IT-Sicherheitsverantwortliche befragt wurden. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer Industrie, die sich im Fadenkreuz staatlich gelenkter Akteure befindet – mit weitreichenden Konsequenzen für die Risikobewertung und die Betriebskosten der Unternehmen.
Laut der Umfrage stellten 37 Prozent der betroffenen Unternehmen, die in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Sabotage, Spionage oder Datendiebstahl wurden, Aktivitäten ausländischer Nachrichtendienste fest. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 28 Prozent. Gleichzeitig ging der Anteil klassischer krimineller Banden leicht von 68 auf 62 Prozent zurück. Dennoch bleibt die Abgrenzung schwierig: Sicherheitsbehörden betonen seit Langem, dass insbesondere staatliche Akteure in Russland und China vermehrt mit kriminellen Hackern kooperieren oder deren Infrastruktur nutzen, was die Zuordnung erschwert. Insgesamt gaben 67 Prozent der Befragten an, im Erhebungszeitraum konkret von Diebstahl, Spionage oder Sabotage betroffen gewesen zu sein; weitere 29 Prozent vermuten einen entsprechenden Vorfall.
Geopolitische Dimension: Die Spur führt nach Osten
Die geografische Verortung der Angriffe untermauert die geopolitische Relevanz. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst konstatiert, dass „die Spur immer weiter nach Osten führt“. Unter den betroffenen Unternehmen gaben 52 Prozent an, Angriffe seien aus China gestartet worden. In 49 Prozent der Fälle wurde der Ursprung in Russland verortet (Mehrfachnennungen waren möglich). Auch osteuropäische Nicht-EU-Staaten spielen mit 34 Prozent eine erhebliche Rolle. Demgegenüber stehen Angriffe aus befreundeten Staaten wie den USA (27 Prozent) oder anderen EU-Ländern (26 Prozent) sowie Cyberattacken mit Ursprung in Deutschland selbst (12 Prozent).
Die Motivationen der Angreifer haben sich dabei laut Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) verschoben. Während Chinas Fokus in der Vergangenheit fast ausschließlich auf Industriespionage lag, um technologische Rückstände aufzuholen, rückt nun vermehrt das Ausspähen von Informationen im politischen Raum in den Vordergrund. Russland wiederum nutzt Spionageaktivitäten gezielt, um durch westliche Sanktionen entstandene technologische Fähigkeitslücken in der eigenen Wirtschaft und im Militärapparat zu schließen.
Fokus auf kritische Infrastruktur und Rüstung
Die Angriffe treffen die deutsche Wirtschaft nicht in der Breite gleichmäßig, sondern zielen strategisch auf sensible Sektoren. Besonders die Rüstungsindustrie steht im Fokus der Spione. Zudem beobachten die Sicherheitsbehörden eine verstärkte Ausspähung von Verkehrswegen, Energieversorgern und anderen Einrichtungen der kritischen Infrastruktur (KRITIS). Diese Entwicklung birgt nicht nur das Risiko des Know-how-Abflusses, sondern birgt im Ernstfall auch das Potenzial für gravierende Sabotageakte, die die Versorgungssicherheit des Landes gefährden könnten.
Für Unternehmen dieser Branchen bedeutet dies einen massiven Druck, ihre Sicherheitsarchitektur aufzurüsten. Die physische und digitale Absicherung von Lieferketten und Produktionsanlagen entwickelt sich von einer reinen IT-Aufgabe zu einem zentralen Element der Corporate Governance und des Risikomanagements.
Künstliche Intelligenz als Katalysator neuer Angriffsformen
Neben der geopolitischen Verschiebung verändert der technologische Fortschritt die Art der Bedrohung. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) aufseiten der Angreifer nimmt spürbar zu. Ein signifikantes Wachstum verzeichnen sogenannte Robo-Calls – automatisierte, KI-gestützte Anrufe, die täuschend echte Phishing-Szenarien simulieren. Der Anteil der Unternehmen, die hierdurch Schäden erlitten, stieg von 3 Prozent im Vorjahr auf nunmehr 14 Prozent.
Auch der Einsatz von Deepfakes verdoppelte sich von 4 auf 8 Prozent. Manipulierte Audio- oder Videodateien werden beispielsweise genutzt, um falsche Anweisungen zur Inbetriebnahme von Maschinen oder zur Freigabe von Finanztransaktionen zu geben. Zwar ging der Anteil klassischer Ransomware-Attacken – also die Verschlüsselung von Systemen mit anschließender Erpressung – von 34 auf 25 Prozent zurück, doch diese Methode bleibt im Schadensranking weiterhin der Spitzenreiter.
Konsequenzen für Unternehmen und Investoren
Für Investoren und Analysten rückt die Cyber-Resilienz von Unternehmen verstärkt in den Fokus der Unternehmensbewertung. Betriebe, die in sensitiven Sektoren operieren, müssen erhebliche Kapazitäten für die Abwehr dieser Bedrohungen aufwenden. Dies belastet kurzfristig die Margen, sichert jedoch langfristig die Existenz und die intellektuelle Substanz des Unternehmens.
Gleichzeitig eröffnet die anhaltende Bedrohungslage anhaltendes Wachstumspotenzial für den globalen Cybersicherheitssektor. Unternehmen, die spezialisierte Hard- und Software zur Abwehr staatlicher Cyber-Akteure sowie Beratungsleistungen im Bereich des physischen und digitalen Wirtschaftsschutzes anbieten, dürften vor einer Phase anhaltend hoher Nachfrage stehen. Der Wirtschaftsschutz ist längst kein reines IT-Thema mehr, sondern ein harter Standortfaktor für die deutsche Industrie geworden.
