Die Erwartungen an die nächste Generation der Krebstherapie sind an den globalen Kapitalmärkten immens. Doch wie volatil das Segment der Biotechnologie bleibt, zeigte sich jüngst an der New Yorker Technologiebörse NASDAQ. Enttäuschende Studiendaten des US-Konzerns Moderna zu einem therapeutischen Krebsimpfstoff lösten eine Kettenreaktion aus. Nicht nur die Aktie des direkt betroffenen Unternehmens verzeichnete herbe Verluste – auch der deutsche Konkurrent BioNTech wurde im Sog der Verkäufe nach unten gezogen. Für Anleger verdeutlicht dieser Handelstag einmal mehr die extreme Risikoprofilierung von Biotech-Investments, deren Bewertungen primär auf zukünftigen Pipeline-Hoffnungen basieren.
Der konkrete Anlass: Modernas Daten im Fokus
Moderna, das nach dem Abebben der COVID-19-Pandemie unter erheblichem Druck steht, neue Erlösquellen zu erschließen, präsentierte jüngst neue klinische Daten zu seinem personalisierten Krebsimpfstoff-Kandidaten, der in Kooperation mit dem US-Pharmariesen Merck & Co. entwickelt wird. Die vorgelegten Ergebnisse konnten die hochgesteckten Erwartungen der Analysten und Marktteilnehmer jedoch nicht erfüllen. Zwar lieferten die Daten punktuell wissenschaftliche Erkenntnisse, doch für eine klare Marktführerschaft oder eine beschleunigte Zulassung reichten die Parameter im Vergleich zu bestehenden Standardtherapien offenbar nicht aus.
An der Börse reagierten Investoren prompt und konsequent. Die Aktie von Moderna brach zweistellig ein. Da die Bewertung des Unternehmens maßgeblich von der erfolgreichen Übertragung der mRNA-Technologie auf die Onkologie abhängt, wiegt dieser Rückschlag schwer. Der Markt straft derzeit jede Verzögerung oder Abschwächung der Wirksamkeitsprofile im harten Wettbewerbsumfeld rigoros ab.
Der Sektoreffekt: Warum BioNTech mitgerissen wird
Es ist ein bekanntes Phänomen an den Kapitalmärkten: Systemische Zweifel an einer Technologieplattform treffen die gesamte Peer-Group. Obwohl BioNTech operativ unabhängig an eigenen Krebsimpfstoffen forscht und in Mainz eine gänzlich eigene Produkt-Pipeline aufbaut, verlor die Aktie an der NASDAQ ebenfalls deutlich an Boden.
Diese enge Korrelation hat fundamentale Gründe. Beide Unternehmen nutzen die mRNA-Technologie als technologische Basis. Misserfolge oder auch nur stagnierende Effizienzwerte bei Moderna schüren bei Marktteilnehmern die Sorge, dass die technologische Hürde bei der Bekämpfung von soliden Tumoren mittels mRNA höher sein könnte als bislang angenommen. Die Onkologie gilt im Vergleich zur Infektiologie (wie bei den bekannten COVID-19-Vakzinen) als ungleich komplexeres Feld, da Tumorzellen hochgradig mutieren und das Immunsystem aktiv unterdrücken können. Ein Dämpfer bei Moderna wird daher vom Markt schnell als Dämpfer für das gesamte mRNA-Konzept in der Krebsforschung interpretiert.
Die ökonomische Realität der Post-Pandemie-Ära
Für beide Biotech-Riesen hat sich das wirtschaftliche Umfeld in den letzten Jahren dramatisch verändert. Die Phase der pandemiebedingten Milliardenüberschüsse ist vorüber. Die Cash-Reserven, die in den Jahren 2020 bis 2022 aufgebaut wurden, dienen nun als finanzielle Startbahn (Runway) für die kapitalintensive Forschung und Entwicklung (F&E) im Onkologiebereich.
Moderna und BioNTech investieren jährlich Milliardenbeträge in klinische Studien der Phasen I bis III. Da die operativen Umsätze aus den COVID-Impfstoffen drastisch zurückgegangen sind, verbrennen die Unternehmen derzeit netto Kapital. In einer solchen Phase sind positive Studiendaten die wichtigste Währung, um den Aktienkurs und damit die Möglichkeit günstiger künftiger Refinanzierungen zu stützen. Bleiben diese aus, droht eine schmerzhafte Neubewertung der Unternehmen auf Basis des reinen Liquiditätsbestands abzüglich der erwarteten Cash-Burn-Rate.
Partnerschaften und Lizenzdeals unter Beobachtung
Der Rückschlag trifft indirekt auch etablierte Branchengrößen wie Merck & Co., die signifikante Ressourcen in Kooperationen mit mRNA-Entwicklern investiert haben. Etablierte Pharma-Konzerne nutzen diese strategischen Partnerschaften, um ihre eigenen Blockbuster-Medikamente (wie das Immuntherapeutikum Keytruda im Fall von Merck) durch Kombinationstherapien vor dem drohenden Patentablauf zu schützen und neue Lebenszyklen zu generieren.
Sollten sich die mRNA-Komponenten in diesen Kombinationen als weniger wirksam erweisen als erhofft, geraten auch die langfristigen Wachstumsstrategien der großen Pharma-Partner ins Wanken. Dies könnte dazu führen, dass künftige Lizenz- und Entwicklungskooperationen vorsichtiger strukturiert werden, was wiederum die Finanzierungsmöglichkeiten kleinerer, forschender Biotech-Unternehmen spürbar erschweren würde.
Fazit für Anleger: Geduld und Risikomanagement gefragt
Für Investoren liefert der jüngste Kurssturz eine wichtige Lehre: Biotech-Investments im Bereich der Onkologie sind keine Selbstläufer und erfordern einen extrem langen Atem sowie eine hohe Frustrationstoleranz. Die Entwicklung innovativer Krebstherapien ist durch hohe regulatorische Hürden und eine historisch signifikante Ausfallquote in späten klinischen Phasen gekennzeichnet.
Während die mRNA-Technologie zweifellos das Potenzial besitzt, die Medizin nachhaltig zu revolutionieren, ist der Weg zur kommerziellen Marktreife steinig und kapitalintensiv. Anleger müssen sich auf anhaltend hohe Volatilität einstellen und sollten Einzelwerte in diesem Sektor im Rahmen eines soliden Portfoliomanagements nur als spekulativere Beimischung betrachten, bei der das Risiko binärer Kursereignisse stets einkalkuliert ist.
